Sobald es an den Börsen holpriger läuft und die Kurse purzeln, wird dem Themenkomplex Risikomanagement mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Manche empfehlen dafür Verkäufe, den Einsatz von Stop-Loss -Orders, Umschichtung oder Absicherung mit Optionsscheinen. Es ist verständlich, dass solche Themen dann Aufmerksamkeit erhalten, wenn die Kurse fallen. Wer möchte seinem Vermögen beim Schrumpfen zuschauen? Niemand; daher ist der Reiz groß, Gewinne zu sichern.
Aktive Fonds bleiben langfristig hinter ihrem Benchmark zurück
Einige Experten verkaufen diese Risikoreduktion als Teil einer guten Strategie; die deswegen auch langfristig hohe Renditen bringt. In letzter Zeit habe ich dazu unzählige Beiträge bei LinkedIn gesehen. Gleichzeitig schreiben manche von ihnen herablassend über diejenigen, die passiv anlegen bzw. passives Anlegen empfehlen; also nichts machen, Verluste akzeptieren und aussitzen.
Es gibt unzählige Studien, die zum Schluss kommen, dass passive Strategien langfristig erfolgreicher sind, bzw. andersrum: Dass nahezu alle aktiv verwalteten Fonds langfristig hinter ihrem Vergleichsindex hinterherhinken. Diese Tatsache wird bewusst oder unbewusst ignoriert. Die Sachlage ist umso erdrückender, wenn eingestellte und verschmolzene Fonds mit berücksichtigt würden. Die meisten Fonds werden schon nach wenigen Jahren wieder eingestellt oder mit anderen Fonds verschmolzen, weil sie ihre Ziele nicht erreicht haben.
Risikoreduktion reduziert die Rendite
Auch ignoriert wird, dass mit einer Risikoreduktion letztlich eine Renditereduktion einhergeht. Chancen (Rendite) und Risiken gehen Hand in Hand! Wer also Risiken reduziert, reduziert damit auch seine Chancen bzw. seine Rendite. Wer Aktien im Crash verkauft, ist nicht dabei, wenn es wieder aufwärts geht. André Kostolany hat es so ausgedrückt: „Wer die Aktien nicht hat, wenn sie fallen, der hat sie auch nicht, wenn sie steigen!“.
Meistens geht es nach einem Crash relativ schnell wieder aufwärts. Oft sind die Ursachen für den Crash immer noch anwesend bzw. die Probleme nicht gelöst. Viele Anleger schauen dann steigenden Kursen hinterher und wundern sich darüber. „Climbing the Wall of Worry“ wird dieses Phänomen genannt. In der Finanzkrise 2008/2009 oder im Corona-Crash 2020 konnte man das beobachten. Als die größten Sorgen überwunden waren, hatten sich die Aktienkurse wieder längst erholt.
Erst wieder bei neuen Höchstkursen investieren?
Nach einem Crash lese und höre ich häufig Aussagen wie diese: „Wir haben verkauft und damit das Risiko herausgenommen. Wir schauen von der Seitenlinie zu und spielen erst wieder mit, wenn sich der Markt beruhigt hat und besser läuft“. Das lässt sich übersetzen mit: Wir haben Aktien verkauft, nachdem sie gefallen sind; und kaufen sie später wieder teurer ein. Ja, prima Strategie.
Mit Schwankungen und Verlusten umgehen.
Verluste sind Teil des „Spiels“. Vielleicht sind Aktien (ETFs, Fonds) auch nicht die passende Anlage, wenn man bei Kursrückgängen anfängt zu zittern, nicht schlafen kann und in Panik verkauft. Auch das sollte bei der individuellen Anlagestrategie berücksichtigt werden. Resilienz lässt sich aber auch trainieren, sodass der Umgang mit Verlusten einfacher wird. In Zeiten mit starken Kursrückgängen hilft es, Nachrichten zu meiden, nicht ins Depot zu schauen und optimistisch zu bleiben. In der Vergangenheit hat es sich rentiert, wenn im Spiel blieb, seine Aktien hielt und weiter zugekauft hat. Time in the Markets beats timing the Markets!
Im Bild: S&P 500 von Anfang April bis Anfang Mai. War irgendetwas? Die Kursverluste der Trump- bzw. Zoll-Crashs sind schon wieder aufgeholt, zumindest in US-Dollar. Ob das nur eine Bärenmarktrallye war oder die Kurse weiter steigen oder stagnieren, weiß niemand. Die Wahrscheinlichkeit ist allerdings hoch, dass wir in den nächsten Jahren neue Höchstkurse sehen werden.
