Hin und Her macht Taschenleer. Daytrading Broker Investing Programm

Broker animieren zum Handeln

Vor einigen Jahren hatte ich eine kleine Wirtschafts-Brettspielrunde ins Leben gerufen. Jemand brachte das Spiel „Cashflow“ mit und wir spielten es. Viele, die vom sogenannten „passiven Einkommen“ träumen, kennen das Spiel und finden es gut. Ich finde es stumpfsinnig, weil es einem die Entscheidungen abnimmt und der Spielausgang zu stark dem Glück unterliegt. In dieser Spielrunde war jemand dabei, der seit einigen Monaten an der Börse aktiv war. Daytrading hielt er für den heiligen Gral. Enorme Gewinne seien mit der richtigen Einstellung, Disziplin und Strategie möglich. Wir haben uns ein bisschen ausgetauscht. Ich versuchte ihm meine Erfahrungen und mein Wissen dazu zu vermitteln, blieb dabei aber zurückhaltend. Ich habe schon einige Male erlebt, dass Diskussionen mit fanatischen Anfängern nervenaufreibend sind. Mir saß ein klarer Fall von Naivität und Selbstüberschätzung gegenüber. Ich vermute, dass er einen Teil seines Geldes in den darauf folgenden Monaten verzockt hat, wie fast alle Börsenanfänger, die mit Daytrading beginnen.

Unter anderem war mein Spielkamerad der Ansicht, dass sein Broker ihm dabei helfen würde, eine hohe Rendite im Daytrading zu erzielen, weil der Anbieter ihm täglich Marktanalysen und Einschätzungen kostenlos zur Verfügung stellt und auch die entsprechenden Anlageprodukte auflistet. Das machen viele Broker bzw. Banken so. Was ich bisher allerdings noch nie gesehen habe, war eine Rückschau – also wie Leser abgeschnitten hätten, wenn sie konsequent die Ideen umgesetzt hätten. Ich vermute, dass die Ergebnisse zufallsverteilt sind und hinter einem solide aufgestellten Portfolio in der Rendite zurückbleiben. Nun wies ich meinen Spielkameraden darauf hin, dass sich sein Broker die Mühe mit den täglichen Ideen macht, um ihn zum Handeln zu verführen. Ein Broker ist schließlich kein Wohltätigkeitsverein, sondern ein Privatunternehmen, das Geld verdienen möchte. Je öfter Kunden handeln, desto mehr verdient ein Broker an ihnen. 

Ein Kunde mit einem langweiligen ETF-Sparplan bringt einem Broker viel weniger Einnahmen als ein Kunde, der mehrfach im Monat Aktien, Fonds oder andere Wertpapiere kauft und verkauft. Aus diesem Grund animieren Broker ihre Kunden zum Handeln, unter anderem mit Trading-Ideen, Marktausblicken, Übersichten der meist gehandelten Aktien, blinkenden Kurstafeln und so weiter. Eine rege Handelsaktivität schmälert statistisch betrachtet die Rendite der Kunden, was unter anderem an Steuern und Transaktionskosten liegt; der Spread (die Differenz zwischen Kauf- und Verkaufskurs) wird dabei oft vernachlässigt. Bei SSRN gibt es dazu eine Studie mit dem Namen „Attention Induced Trading and Returns: Evidence from Robinhood Users“. Ein Broker, der seine Kunden zum Handeln animiert, macht das also viel mehr zum eigenen Wohle als zum Wohle seiner Kunden. Das sollten Anleger bedenken.

Investing-Programm der ING

Seit Anfang Juli gibt es bei der ING ein „Investing-Programm“, das Kunden belohnt, die häufig handeln. Ab dem sechsten Trade im Quartal gibt es zum Beispiel einen kostenlosen Zugang zum Portfolio-Tracker Parqet Plus. Bei Parqet hat man diese Kooperation als großen Erfolg gefeiert. Ob solche Aktionen nun für Kunden der ING langfristig auch einen Mehrwert liefern, ist dabei zweifelhaft. Wenn man durch regelmäßige Wertpapierkäufe ohnehin auf die Anzahl der Transaktionen kommt, dann könnte das Bonusprogramm der Bank einen gewissen Mehrwert bieten. Anleger sollten sich allerdings nicht zum Handeln verführen lassen, um solche Boni zu erreichen. Langfristig wird sich das nicht auszahlen. Sofern man sich von einem Portfolio-Tracker wie Parqet im Plus-Modell etwas verspricht und nicht auf 6 Transaktionen im Quartal kommt, wäre es wahrscheinlich sinnvoller, diesen direkt zu abonnieren. 

Kunden mit 25 Trades im Quartal erreichen mit dem Platin-Level das höchste Bonus-Level. Dabei gibt es unter anderem ein kostenloses Börsenmagazin nach Wahl. Ob solche Magazine einen Mehrwert bieten, halte ich auch für zweifelhaft. Auch sie animieren die Leser mit ihren ständigen Ideen, Strategien, Kursraketen und Crashankündigungen zum Handeln. Um sich davon nicht beeinflussen zu lassen, bedarf es einer ausgearbeiteten, individuell passenden Strategie und Disziplin. Das Sprichwort „Hin und Her macht Taschen leer“ ist schließlich nicht aus der Luft gegriffen. 


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